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Dienstag, 19.04.2011:
"Berufsberatung" führte direkt ins Rotlicht-Milieu
Am Pizza-Stand vor einer großen Würzburger Diskothek gab es nach den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft vorübergehend nachts nicht nur scharf belegte Hefeteig-Stückchen, sondern auch sehr spezielle "Berufsberatung" mit Adressen für den Einstieg ins Rotlicht-Milieu. Seit gestern wird vor einer Großen Strafkammer gegen einen italienischen und zwei türkische Staatsangehörige verhandelt, unter anderem wegen bandenmäßigem Menschenhandel, Zuhälterei, Freiheitsberaubung, Bedrohung und Körperverletzung.
Hohe Spielschulden
Der "Kopf" der Bande, ein ehemaliger Türsteher mit hohen Spiel-Schulden vom Pokern, suchte laut Anklage in erster Linie Nachschub für einen FKK-Club in Böblingen. Mädchen und Frauen wurde versprochen, dass sie in dem Club an der Rezeption arbeiten sollen. Schnell wurde ihnen jedoch bewusst, manchen schon vor der Ankunft in Böblingen, dass es sich dabei nicht um einen Job im Stehen am Empfang handelte, sondern eine Tätigkeit, die meist im Liegen ausgeübt wird. Wer dann wieder aussteigen wollte, bekam "Ärger".
Gespräch mit Klappmesser
Die Drohungen erinnern an Mafia-Filme: Da war von "lebendig begraben" die Rede und vom "einen Finger abschneiden" und einmal wörtlich: "Das wäre nicht das erste Ohr, das ich abschneide und meinem Hund zum Fressen gebe." Wenn Mädchen die "Arbeitsstelle" nicht antreten oder aussteigen wollten, wurde bei Gesprächen mit einem Klappmesser "gespielt" oder mit einer Pistole. Es wurden hohe Ablösesummen genannt, bis zu 50 000 Euro und lange Kündigungsfristen und beiläufig wurde auf gute Kontakte zur Szene in Frankfurt oder Berlin hingewiesen
Bei Prozessbeginn konnte der Vorsitzende Richter Lothar Schmitt eine gute Nachricht verkünden: Es habe vorab Gespräche mit der Staatsanwaltschaft und den Verteidigern gegeben, um den Opfern die Begegnung mit den Angeklagten und die Vernehmung vor Gericht zu ersparen.
Über ein Dutzend Frauen müssen daher nicht noch einmal schildern, was sie erlebt haben.
Unter der Voraussetzung, dass die Angeklagten glaubwürdige Geständnisse abliefern, könne man ihnen, so das Gericht, je nach Tatbeteiligung, Höchststrafen von zwei bis zu sechs Jahren zusichern. Auf dieses Angebot sind alle eingegangen.
Abgesehen von einer 15-jährigen aus Kitzingen, die sich nach den Berufsaussichten in der Prostitution erkundigt hatte, standen die meisten Frauen und Mädchen, so ein Kripo-Beamter, unter erheblichem finanziellen Druck. Sie hatten keinen Arbeitsplatz und/oder Schulden und sahen angeblich keinen anderen Weg, die zu begleichen.
Für die Entscheidung, im Rotlicht-Milieu tätig zu werden, mussten die Angeklagten daher kaum Druck ausüben. Umso massiver soll der laut Anklage danach geworden sein und dabei sind die Träume, schnell viel Geld zu verdienen, ebenso schnell geplatzt. Wenn sie einmal in Clubs arbeiteten, von Böblingen aus wurde auch weiter vermittelt, sind die Frauen gnadenlos abgezockt werden.
Drohung mit Straßenstrich
Eine junge Frau, die aus Mitleid eine kranke Kollegin ins Krankenhaus brachte, ist daraufhin verpflichtet und bestraft worden, doppelt so viel Freier zu bedienen, um den Ausfall auszugleichen. Frauen, die "Stress machten" ist außerdem angedroht worden, sie aus dem angenehmen Clubbetrieb "auf den Straßenstrich zu werfen".
Als eine Frau nicht den erwarteten Umsatz machte, hat das der "Kopf" der Bande auf ihr Gewicht zurückgeführt und ihr Schlankheitspillen verordnet und jeglichen Alkoholkonsum untersagt.
Bei der 15-jährigen aus Kitzingen, die sich für einen Job interessiert hatte, aber als zu jung abgelehnt worden war, hat einer der Angeklagten zwei Jahre später nachgefragt, ob noch Interesse bestehe.
Da sie immer noch nicht 18 war, sollte sie Fotos "vorbeibringen", damit man einen falschen Pass herstellen könne. Doch zu der Zeit hatte die junge Frau aus Kitzingen die Lust an der Prostitution bereits verloren.
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