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Mittwoch, 21.07.2010:

Das Älteste Gewerbe - Prostitution und Sexarbeit

Arbeit ohne Anerkennung?

"Anschaffen gehen" - das ist in Deutschland seit dem 1. Januar 2002 eine reguläre und damit nicht mehr strafbare Erwerbstätigkeit. Damit wurde das Brandzeichen "sittenwidrig" zumindest juristisch vom Beruf der Prostituierten abgelöst. An der moralischen wie gesellschaftlichen Stigmatisierung der etwas anderen Profession hat das jedoch wenig geändert, wie Autorin Uta Kolano in ihrem Film "Das Älteste Gewerbe" dokumentiert. Sie hat jene befragt, die es am besten wissen müssen und dabei auch die Einstellung anderer europäischer Länder zum Thema käufliche Liebe untersucht. Die ARD-Dokumentation porträtiert sechs Prostituierte und Sexarbeiterinnen: Jede hat eine eigene Geschichte, jede arbeitet in einem anderen Land, jede hat eine ganz eigene Motivation und ein eigenes Verhältnis zu dem Wesen, das sie verkaufen - sich selbst.

"Letzten Endes will jede Hure aussteigen", sagt Felicitas, die selbst anschaffen ging. Nicht weil sie musste, sondern weil sie eben doch wollte. Es sei der Reiz des schnellen Geldes gewesen, meint die heutige Besitzerin einer "Anbahnungsgaststätte", in der Mann "Liebe" und nicht nur "Sex" kaufen kann. Für diesen schamlosen und salopp offensichtlichen Umgang mit dem Tabu wurde sie im Jahr 2000 gerichtlich dazu aufgefordert, ihre Begegnungsstätte zu schließen. Es folgte ein Prozess, den sie medienwirksam gewinnen sollte und der ausschlaggebend für die Schaffung des heute bestehenden Prostitutionsgesetzes war. In Italien, Frankreich und England existiert ein solches Gesetz nicht, was die meisten Prostituierten dazu zwingt, in einer semi-legalen und gefährlichen Schattenwelt zu leben.

Abenteuer, jugendliche Naivität und immer wieder das angeblich so leicht verdiente Geld - jede Frau hat ihren eigenen Grund und ihren eigenen Weg, sich selbst nicht doch noch zu verlieren. "Meine Seele, meine Gedanken schlafen", sagt Sandra, die vor einem Zuhälter nach Griechenland geflohen ist. Dort ist Prostitution legal. Gewalt, Zwangsprostitution, Sex zu Dumpingpreisen - Sandras Realität ist dennoch eine harte, eine unglamouröse. Escort-Dame Sania dagegen prahlt mit ihrem wöchentlichen Einkommen, das auch mal 15.000 Euro betragen kann. Ihre Familie weiß nicht, dass sie für Geld mit Männern schläft, deshalb will sie nicht erkannt werden. Jess suchte einfach nur das Abenteuer und fand es in einem Dasein als Domina in der SM-Fetisch-Szene Londons. Als Prostituierte sieht sie sich nicht.

Uta Kolanos Film sucht nach starken Frauengestalten in einer ausbeuterischen Branche, fahndet nach der selbstbestimmten "Hure aus Leidenschaft" und findet letzten Endes nur eine Domina aus Müßiggang. Die Dokumentation erlaubt optimistische Zwischentöne, betreibt tatkräftig politische Aufklärung und kontextualisiert das älteste Gewerbe der Welt vor allem historisch. Die dramatisch rekonstruierten Einspieler im historischen Gewand wirken in Anbetracht der realen Schicksale manchmal befremdlich, schlagen jedoch durchaus einen informativen Bogen vom antiken Korinth ins mittelalterliche Ulm, vom viktorianischen London in die Wehrmachtsbordelle der französischen Besatzungszone bis hin in das stasibeherrschte Ostberlin.

Kolano zeigt die Prostituierte als Sklavin, als Ware, als Opfer, aber auch als subversives und mächtiges Element in einer immer noch scheinheiligen Gesellschaft. Dabei sind die Zukunftswünsche ihrer Gesprächspartnerinnen sehr bodenständig: eine Familie, einen Ehemann und ein bisschen Respekt. Ganz einfach und ganz normal.



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