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Montag, 07.03.2011:
HIV Virus vor verschlossenen Türen
Mit fremden Genen wollen Forscher die Zelltore verrammeln und Menschen immun gegen das HIV-Virus machen.
Ungeschützter Sex mit HIV-Infizierten – das gilt auch heute noch als lebensgefährliches Spiel mit dem Feuer, als einer der wahrscheinlichsten Wege, sich den potenziell tödlichen Erreger einzufangen. Nicht so für Steve Crohn. Jahrelang hatte der selbstständige Journalist Sex mit seinem HIV-positiven Lebensgefährten – ohne Kondom. Doch er blieb nicht nur gesund, sein Arzt konnte in seinem Blut auch nie die Spur eines Aids-Virus finden. Eigentlich habe er seit den 1980er Jahren mit seinem eigenen Abgang gerechnet, erzählt der New Yorker. Doch vergeblich. Inzwischen kennt er den Grund für seine Immunität. Crohn zählt zu jenem einen Prozent Menschen europäischer Abstammung, denen ein Protein namens CCR5 in den Membranen ihrer Blutzellen fehlt. Der Rezeptor ist das Tor, durch den Aids-Viren in bestimmte Immunzellen des Blutes, die T-Zellen, eindringen können. Weil diese unter anderem die übrigen Abwehrzellen kommandieren, ist ihre Infektion für den Körper besonders verhängnisvoll.
Inzwischen gibt es zwar ein Medikament (Maraviroc), das bei Aids-Patienten das CCR5-Tor teilweise blockieren kann. Doch nur ein einziges Mal ist es bislang gelungen, das Wissen um CCR5 zu nutzen, um das Aids-Virus aus einem HIV-Patienten komplett zu vertreiben.
2007 wurden dem US-Amerikaner Timothy Brown an der Berliner Charité Blutstammzellen eines fremden, gegen HIV immunen Spenders transplantiert. Die Transplantation war nötig geworden, weil die eigenen Stammzellen des blutkrebskranken Brown im Zuge einer Tumor-Chemotherapie zerstört worden waren. Brown, inzwischen berühmt geworden als der "Berliner Patient", lebt heute gesund und ohne Virus in San Francisco. Doch der Amerikaner hatte großes Glück, unter 200 möglichen Stammzellspendern einen HIV-resistenten zu finden. Bislang gelang dies für keinen weiteren der weltweit 33 Millionen HIV-Infizierten. Doch nun könnte die kalifornische Biotech-Firma Sangamo den einmaligen Behandlungserfolg für viele Aids-Patienten wiederholbar machen. Mit Hilfe spezieller Gen-Scheren möchten die Forscher nun die T-Zellen des Infizierten selbst gegen den Erreger resistent machen. Sie sollen gewissermaßen den DNA-Fehler, der Steve Crohn unverwundbar macht, nachträglich ins Erbgut einbauen. Letzte Woche veröffentlichten die Forscher der Firma auf einer Konferenz in Boston erste Ergebnisse der seit 2009 laufenden Studien.
Das Prinzip ist simpel: Man entnimmt dem Patienten Blutzellen, zerschneidet in deren Erbgut das CCR5-Gen mittels sogenannter Zinkfinger-Proteine und transplantiert sie dann zurück. Von den circa 20 Milliarden T-Zellen, die den Patienten anschließend zurück ins Blut gespritzt werden, können die Forscher zwar nur jede Vierte HIV-resistent machen. Doch da unveränderte Zellen anschließend von den Viren befallen und beseitigt werden, nimmt der Anteil der unverwundbaren Zellen mit der Zeit automatisch zu.
Matthew Sharp war einer der Ersten, der sich die modifizierten T-Zellen spritzen ließ. Schon drei Monate danach berichtete der Aids-Aktivist aus San Francisco der Presse euphorisch, seine Blutwerte hätten sich deutlich verbessert, alles gehe "in die richtige Richtung".
Allerdings können und sollen die Studien noch gar nicht beweisen, ob der Therapieansatz tatsächlich wirkt. Sie sollen nur klären, ob bei dem Verfahren gefährliche Nebenwirkungen drohen. Bei den ersten sechs von insgesamt rund 20 Aids-Patienten verhielten sich die veränderten T-Zellen offenbar ganz normal, wuchsen, überdauerten mindestens ein Jahr und vermehrten sich.
Die Zahl der T-Immunzellen im Blut, ein Maß für das Voranschreiten der Erkrankung, verbesserte sich bei fünf dieser sechs Patienten, sagt Sangamo-Sprecherin Elizabeth Wolffe. Bei zwei Patienten in einer zweiten Studie scheinen die HIV-resistenten T-Zellen die Viruskonzentration im Blut sogar abgesenkt zu haben, nachdem diese ihre Medikamente für 12 Wochen abgesetzt hatten. Die amerikanische Zulassungsbehörde FDA stuft den Therapieansatz inzwischen als sicher genug ein, um einer dritten Studie zuzustimmen – mit Patienten, die die üblichen Medikamente gegen Aids noch nicht bekommen haben.
Bei allen Studien gilt aber: Sangamo muss die gentherapierten Patienten zehn Jahre lang beobachten. Denn die Mediziner haben schon schlechte Erfahrungen mit Gentherapien gemacht. So gelang es vor wenigen Jahren zwar Kinder mit einer solchen Methode von einer angeborenen Immunschwäche zu heilen – die Mediziner hatten in Paris in dem Erbgut ihrer Blutzellen mit einem intakten Gen das mutierte ersetzt. Doch kurz darauf entwickelten einige der Kinder Blutkrebs, weil beim Einbau des intakten Gens das Erbgut beschädigt worden war. Bei Sangamos Methode sei dieses Szenario jedoch eher unwahrscheinlich, sagt Toni Cathomen von der Medizinischen Hochschule Hannover, der im Kampf gegen Erbkrankheiten ähnliche Gen-Scheren nutzen möchte wie Sangamo. Denn diese seien so konstruiert, dass sie fast ausschließlich am gewünschten Ort schneiden.
"Eine einmalige Dosis CCR5-freier Zellen kann bei den Patienten noch keine großen Effekte auslösen, geschweige denn bewirken, dass das Virus verschwindet", sagt Cathomen. Um die Aids-Viren vollständig aus dem Körper zu vertreiben, müsste Sangamo die Stammzellen im Knochenmark resistent machen, aus denen sich alle Zellen des Blutes ständig neu bilden. Bei Mäusen hat das schon funktioniert und ein 14,5- Millionen-Dollar-Projekt soll bald Tests mit genmodifizierten Blutstammzellen an Aids-Patienten ermöglichen. Allerdings sei die Gefahr, dass ein falscher Schnitt der Gen-Scheren Blutkrebs auslöst, mit Stammzellen viel größer, betont Cathomen. Die etwa 70 000 HIV-Infizierten in Deutschland vom Virus zu befreien, würde sich auch für die Krankenkassen lohnen. 20 000 Euro pro Jahr kosten die Pillen, die die Infizierten täglich schlucken müssen, um den Ausbruch von Aids zu verhindern. Eine Stammzelltransplantation schlägt mit etwa 100 000 Euro zu Buche, so dass sich das Verfahren bald amortisiert hätte. Für Millionen Aids-Kranke in den Entwicklungsländern dürfte die Therapie laut Cathomen jedoch kaum realisierbar sein. Es sei denn, die Gen-Scheren stellen sich als so sicher heraus, dass sie die T-Zellen direkt im Körper der Patienten verändern und resistent machen. Doch das ist Zukunftsmusik.
mehr Infos unter : http://www.badische-zeitung.de/gesundheit-ernaehrung/virus-vor-verschlossenen-tueren
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