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Donnerstag, 03.06.2010:

Ungewaschen in den Puff

Kreis Cuxhaven. Männer, die bei Sonja H. anrufen, sagen nie ihren Namen. Wenn sie vor der Tür stehen, verstecken sie ihr Gesicht. Sie sind 18 bis 80 Jahre alt, manche sind verheiratet, manche allein. Für die Bordellbesitzerin sind sie ganz normale Männer, die Geld zahlen für eine Dienstleistung. Ein ganz normales Gewerbe, sagt sie. Doch die Schattenseiten kennt sie auch.

Das Telefon klingelt. Sonja H., die eigentlich anders heißt, nimmt den Hörer ab. Ein Freier erkundigt sich nach dem Angebot. „Ich habe heute drei Frauen da“, sagt Sonja H. „Schöne Mädchen mit großen Brüsten, kein Silikon. Die machen alles, was Spaß macht. Aber Verkehr gibt’s nur mit Gummi.“ Der Freier verlangt ungeschützten Sex, aber das gibt es in ihrem Bordell nicht. „Was denkt der denn“, schimpft sie. „Dass alle Aids und Hepatitis kriegen können, nur er nicht? Und dann steckt er zu Hause seine Frau an oder was? Das ist doch abartig.“

Dass heute, anlässlich des internationalen Hurentags, Rechte und Schutz von Prostituierten auf der Tagesordnung stehen, ist für Sonja Nebensache. Für sie zählt der Bordellalltag im Cuxland. Dass Männer anrufen, denen Schutz vor Geschlechtskrankheiten offenbar egal ist, erlebt sie oft. Manche Freier, das weiß sie von Kolleginnen, versuchen sogar während des Verkehrs, heimlich das Kondom abzustreifen. Seit den knapp zwanzig Jahren, die sie als Bordellbetreiberin arbeitet, habe sich vieles verändert. Ständig würden Billigpreise verlangt, einige Freier zeigten überhaupt keinen Respekt. „Es ist unglaublich, wie viele Männer hier ankommen, die sich nicht gewaschen haben – das ist doch eklig!“

Die Frauen könnten die Freier jederzeit abweisen, sagt Sonja H. Jede arbeitet auf eigene Rechnung. Doch in Krisenzeiten, wenn das schnelle Geld auch im Puff nicht mehr so leicht zu haben ist, ließen sich viele Prostituierte trotzdem darauf ein. Die meisten Frauen, die bei Sonja H. arbeiten, stammen aus Thailand, Südamerika, der Dominikanischen Republik oder Brasilien. Viele schaffen an, um ihre Familie in der Heimat zu versorgen, schicken Geld für Medikamente oder Kleidung. „Die geben ihr letztes Hemd, die Ausländerinnen“, sagt Sonja H. Dass die Frauen ausgerechnet im Bordell arbeiten, sieht sie nüchtern. Für das, was eine Hure beim Hausbesuch verdienen kann, müsse man lange putzen, sagt sie. Außerdem würden sie ja nicht immer nur benutzt, sondern auch begehrt – das sei eben vielen Frauen wichtig. „Andere gehen aufs Dorffest, lassen sich volllaufen und freuen sich, wenn sie gebumst werden“, sagt Sonja H.

Sex als Dienstleistung

Bei Prostitution seien die Verhältnisse klar und sachlich: Sex ist kein Liebesdienst, sondern eine Dienstleistung, und die gibt es nun mal für Geld. Anders als die Zuhälter, die die emotionale Abhängigkeit der Huren ausnutzen, beschäftige sie keine Frau ohne Ausweis, Arbeitserlaubnis und Steuernummer. Alle 14 Tage müssen die Prostituierten zum Gesundheitsamt, alle vier Wochen zum Aids-Test. Wenn ein Mann anruft, um eine Frau bei ihr unterzubringen, lehnt sie ab – keine Zuhälter, sagt sie. „Damit will ich mein Gewissen nicht belasten.“

Gute Stimmung im Puff ist Sonja H. wichtig. Sie hilft den Frauen bei Behördengängen, tauscht mit ihnen Gesundheits- und Schönheitstipps aus. Gegen Heimweh gibt es Telefonkarten, bei Kummer tröstet sie. Fern von der Heimat ist der Puff für viele das einzige Zuhause. „Nur hier haben sie ja quasi Vertraute“, sagt Sonja H. Denn draußen, das spüren sie alle, gelten sie immer noch als Abschaum.


Weltweiter Hurentag

Der intenationale Hurentag am 2. Juni soll auf soziale Ausgrenzung von Prostituierten aufmerksam machen. Frauenrechtlerinnen und Sexarbeiterinnen fordern Anerkennung ihrer Arbeit in der Gesellschaft und mehr Einsatz gegen Gewalt und Zwangsprostitution.



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