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Donnerstag, 26.08.2010:
Zuhälter aus Litauen soll Frauen in Wohnungsbordelle vermittelt haben
Chemnitz. Ein klassisches Bordell sucht man in Chemnitz vergeblich. Trotzdem müssen Freier keine Not leiden. Denn das Geschäft mit der Wohnungsprostitution floriert. Die Wohnungen in Mehrfamilien-Mietshäusern bieten offenbar mehr Diskretion - nicht nur für Gäste. Die Etablissements werden, so die Erkenntnisse der Staatsanwaltschaft Chemnitz, von Zuhältern gemietet, die dort junge Frauen vor allem aus Osteuropa für sich arbeiten lassen. Die Damen haben ihr Gewerbe in der Regel nicht angemeldet, zahlen keine Steuern und Sozialversicherungsbeiträge.
Mammutprozess erwartet
Einer der Männer, die offenbar immer wieder für "Nachschub" an jungen Damen sorgen, sitzt seit gestern im Landgericht Chemnitz auf der Anklagebank: Mindaugas R. aus Litauen. Der 39-Jährige muss sich unter anderem wegen Menschenhandels zum Zwecke der Ausbeutung verantworten. Oberstaatsanwalt Siegfried Rümmler, der in dem Ermittlungsverfahren den Hut auf hatte, weiß, dass es ein Mammutprozess bis weit in den Oktober hinein werden könnte. Nach seinen Erkenntnissen gehört R. einer europaweit agierenden kriminellen Organisation an, die sich Vilnius-Brigade nennt. Eines ihrer "Geschäftsfelder" ist die Vermittlung von Arbeit suchenden Frauen aus Osteuropa für Bordelle in Westeuropa, insbesondere in Deutschland.
Die Chemnitzer Ermittler kommen mühsam, aber stetig voran. Gab es vor zwei Jahren lediglich drei solcher Verfahren wegen Menschenhandels, sind es in diesem Jahr bereits 14. Erschwert werden die Ermittlungen, weil die Frauen ständig ihren Arbeitsplatz, sprich ihren Arbeitsort wechseln und so eingeschüchtert sind beziehungsweise überwacht werden, dass sie gar nicht wagen zu fliehen oder sich der Polizei anzuvertrauen.
Anders im Fall von Mindaugas R. Er soll unter anderem im Frühjahr 2009 über ein Internetportal mit zwei jungen Litauerinnen Kontakt aufgenommen haben. Es ging um Jobvermittlung nach Deutschland. Eine der Frauen hatte sich schon in Litauen prostituiert, erhoffte sich aber hier bessere Verdienstmöglichkeiten. Die Zweite erfuhr erst in Chemnitz von dem Angeklagten, dass sie als Liebesmädchen arbeiten sollte. Ein Job, den sie von Anfang an abgelehnt hatte. R. soll daraufhin gedroht haben, ihr das Genick zu brechen und ihrem Kind zuhause in Litauen etwas anzutun. Am 18. Juni 2009 gelang es den beiden Frauen, aus der Chemnitzer Bordellwohnung zu fliehen. Sie offenbarten sich der Polizei.
Massive Drohungen
In einem weiteren Fall soll R. eine junge Litauerin in ein Wohnungsbordell nach Düsseldorf vermittelt haben. Er habe gewusst, dass "Sandra", so ihr Arbeitsname, noch keine 21 Jahre alt war, es also um Menschenhandel ging, so die Anklage.
Und dann ist da noch Kristina S. Auch diese Litauerin hatte sich 2009 beim Angeklagten über ein Internetportal gemeldet, weil sie sich für einen Job bei einem Begleitservice in Düsseldorf interessierte. R. soll ihr bei einem Treffen in Vilnius zugesagt habe, dass sie nur Kunden zu Partys und anderen Anlässen begleiten müsse. 5000 bis 10.000 Euro Monatsverdienst stellte er ihr in Aussicht.
Kristina S. vertraute ihm. Erst in Düsseldorf erfuhr sie, dass sie in einer Wohnung bedingungslos für ihn anschaffen sollte. R. soll ihr gedroht haben, dass er im Falle einer Flucht ihre Verwandten in Litauen umbringen lasse, denn er gehöre der kriminellen Vereinigung Dagdaras an. Ein Name, der ebenfalls für die Vilnius-Brigade stehen soll. Schließlich zwang R. das Mädchen zum Geschlechtsverkehr mit ihm. Er legte die Preise für sämtliche sexuellen Dienstleistungen fest, verlangte von den Frauen, alle Wünsche der Freier zu erfüllen, vor allem ungeschützten Geschlechtsverkehr, und er bestimmte die Arbeitszeiten: an sieben Tagen der Woche.
13 Zeugen geladen
R., von Beruf eigentlich Bauingenieur, sitzt seit März in Zwickau in Untersuchungshaft. Gestern gab er an, seinen Lebensunterhalt mit dem Handel von Gebrauchtwagen aus Holland und Deutschland bestritten zu haben. Feste Wohnsitze habe er in Holland und Litauen, "Deutschland war für mich immer nur Transitland". Auf die sechsseitige Anklageschrift reagierte er in ziemlich gutem Deutsch mit den Worten: "Es ist alles ein Missverständnis, reines Absurdum, totaler Quatsch!" Ausführlich will er sich erst nächste Woche zu den Vorwürfen äußern. Für den Prozess sind 13 Zeugen geladen, darunter fünf betroffene Frauen. Ob sie tatsächlich aus Litauen und London anreisen und vor Gericht umfänglich aussagen, bleibt abzuwarten.
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